Der Heidelbeer-Pfad

Ein erschöpftes “Stopp” springt mir in den Nacken. Die Angst vor dem Sprung auf den gerade abfahrenden Zug ist schlagartig fort. Ich klammere mich an die Tasche und springe. Auf allen Vieren balanciere ich zur nächsten Dachluke. Wie ein Würstchen, das man in ein volles Glas zurück schiebt – warum auch immer man das tun sollte – presse ich mich in das überquellende Abteil. Begleitet von den erstaunten Blicken der Mitfahrenden wühle ich mich durch den schwitzenden Waggong zum Ausgang und springe an der nächsten Station wieder heraus.

Dumpfer Wind zieht durch den mit einem kaskadierenden Goldmuster befliesten Tunnel. Die Säulen sind mit roten Marmor besetzt, oder zumindest einer sehr hochwertigen Nachbildung. In die gewölbte Decke hatte man Fugen und Scharten eingelassen, die den Schall so gut brechen, dass diese Station ausnahmsweise mal nicht vom endlosen Gezeter der gehetzten Großstädter dominiert wird. Nur das Rauschen der ein- und ausfahrenden Züge ist allgegenwärtig. Ich stürme die Treppen nach oben, es mussten ungefähr 749 Stufen gewesen sein, in diesem Teil der Stadt liegt das U-Bahn-Netz erstaunlich tief, weit unter dem Meeresspiegel, und werde am Ausgang durch eine nach Teer und Stahl miefenden Staubwehe begrüßt. Mein Blick fällt auf ein alleinstehendes Taxi, dessen Scheiben mit bunten Wimpeln und Lämpchen behangen sind. Ich werfe mich mitsamt Tasche durch das offene Fenster auf die Rückbank. “Los!”, rufe ich dem Fahrer zu.

Der Fahrer würdigt mich keines Blickes, als würde er jeden Tag Fluchten oder Verfolgungsjagden durch die Stadt organisieren und quetscht sein buntes Arbeitsgerät durch den tosenden Feierabend-Verkehr. Ein bronzenes Glockenspiel klimpert im Takt der Spurwechsel an seinem Rückspiegel. An der nächsten überfüllten Kreuzung schnipse ich ihm ein paar zerknüllte Scheine entgegen und stürze zurück auf den dampfenden Asphalt. Bis zur Stadtgrenze ist es nicht mehr weit. Ich nehme die Beine in die Hand und zwänge mich mit meiner kostbaren Fracht durch die Menschen, hin zu einer schmalen Gasse, so schmal, dass ich die Tasche über dem Kopf tragen muss.

Der Lärm der Stadt nimmt mit jedem Meter ab. Es geht vorbei an kleinen Türen und Kochnischen, über geflochtene Körbe und Backsteinpyramiden, die die Kindern im Spiel angelegt hatten, bis ich endlich auf einen Ausgang treffe, der mit einer flachen Hecke verziert ist, die ich mit einem Hechtsprung hinter mir lasse. Ein paar Vögel begrüßen meine unerwartete Ankunft mit einem kurzen Pfeifkonzert. Ein beeindruckendes Schauspiel, dass mir in jeder anderen Situationen Muße gespendet hätte. Ich schwinge mich über ein paar Sträucher, passiere ein paar Dutzend Spalier stehende Bäume und finde mich auf einem feuchtem Waldweg wieder. Die Spuren sind noch frisch. Der Wald ist nicht sonderlich groß, also dauerte es nicht lange, bis ich an dessen Rand gelange, wo mich ein verlassener Flughafen erwartet. Ich wage einen kurzen Blick in mein Gepäck: Der wertvolle Inhalt ist noch verhanden und bis auf ein paar abgebröckelte Kanten unversehrt. Nichts darf mich daran hindern, die Tasche zurückzugeben, auch nicht unsere Verfolger.

Ich mache mich daran, das Flugfeld zu erkunden. In einem Stahlhangar entdecke ich in einem muffigen Holzverschlag eine Handvoll rostige Mofas. Die Reifen waren nur spärlich mit Luft versorgt, ein paar Lederstreifen baumeln gelangweilt am Sitz herunter. Ich werfe mich auf den Fusshebel für den Anlasser, die ersten zwei Versuche quittiert der Hobel mit einem müden Husten. Beim dritten Versuch knallen endlich die Kolben durch die Zylinder und der Motor springt an.

Die Tasche vor meiner Brust jage ich auf dem staubigen Feuerstuhl den Hang hinter dem Hangar hinunter. Jeder Sprung über die Grasnaben führt zu einem kurzen Flug, der in eine schmerzende Landung mündet. Sand stiebt in alle Richtungen, dünne Äste peitschen mir ins Gesicht. Die Sträucher werfen mir Heidelbeeren entgegen, die dunkelblaue Flecken auf meiner zerschlissenen Jeans hinterlassen. Der kurze aber heftige Ritt endet abrupt an einem verlassenen Strand. Unten erwartet mich eine knurrende Gruppe von Seehunden, denen mein unangekündigter Besuch in ihrem sandigen Wohnzimmer wohl nicht ganz zu schmecken scheint. Ich weiß nicht, ob ich ihnen trauen kann oder sie mir nach dem Leben trachten, also schlage ich ein paar grobe Haken in den feinen Sand, um an ihnen vorbei zum Wasser zu gelangen.

Dort angekommen glaube ich das Rattern eines Helikopters in der Ferne zu erkennen. Ich blicke hinter mich. Das Schlagen kommt näher. Ich sehe die Kuppel des verlassenen Hangars blitzen. Die Hitze lässt den Horizont zu einer flimmernden Masse verschmelzen, die nur die Vermutung einer Bewegung dort oben auf dem Hügel zulässt. Man ist mir auf der Spur.

Mit einem kurzen Blick prüfe ich die Wasserfestigkeit der Tasche. Das muss genügen. Ich presche zwei, drei Meter durch die schäumende Brandung und verschwinde mit einem Hechtsprung im Meer. Ich bin ein guter Schwimmer und trotz meiner schweren Ladung erreiche ich mit wenigen Zügen den Grund. Meine Ortskenntnis hat mich nicht im Stich gelassen. Wie erwartet befindet sich am Boden ein breites Stahlrohr, das mit einer großen Luke verschlossen ist. Unter Einsatz der letzten paar Millionen Sauerstoffmoleküle in meiner Lunge öffne ich das schwere Rad, schiebe mich in die Schleusenkammer und lasse mich durch eine weitere Luke in den alten verlassenen Minengang fallen. Mit einem lauten Knall fällt die Luke zu und das Wasser verschwindet in den Gitterböden unter mir, während das knallende Echo langsam in den verzweigten Gängen versiegt.

Ein paar kleine Lichtschächte bringen wenigstens etwas Helligkeit in das stickige Unterwasserlabyrinth. Halb gebückt drücke ich mich an schweren Rohren und sperrigen Ventilen vorbei. Das Rauschen darin ist längst verstummt. Je weiter ich vordringe, desto weniger Licht gelangt in die Gänge. Hinter jeder Ecke wird es dunkler. Schließlich, als kaum noch ein helfender Schimmer mir den Weg weist, sehe ich am Ende eines langen, dunklen Ganges eine Stahltür aufblitzen. In weiter Ferne, ein paar Dutzend Abzweige hinter mir, knallte es erneut. Sie waren hier.

Die Tür ist abgeschlossen und mein Schatten verdunkelte den Raum fast vollständig. Blindlings wühle ich in meiner Tasche nach ein paar alten Drähten, entflechte sie und forme daraus einen Dietrich. Dann taste ich die Tür auf der Suche nach dem Schlüsselloch ab. Ich brauche nur einen Versuch, um das Schloss zu öffnen und schlüpfe durch den Spalt nach draußen.

Ich befinde mich am Ende eines schmucklos befliesten Tunnels, der von einem schwachem Rauschen erfüllt wird. Vor mir die flüchtenden Schritte. Ich laufe los. Der Tunnel folgt einigen sanften Kurven. Jede Kurve offenbart ein bunteres, aufwendigeres Fließenmuster, das Rauschen wird klarer. Nach ein paar Kurven sind die Fliesen goldfarbend. Ein gelbes Geländer bildet den Abschluss des Tunnels. Dahinter Gleise, ankommende und abfahrende Züge, und dort sah ich sie stehen, einen Fuß bereits auf das Geländer gesetzt, bereit zum Sprung. “Stop!” werfe ich ihr erschöpft hinterher. Zu spät.