Ein Sprichwort

Die Sonne brennt auf der knorrigen Haut. Das ist sehr angenehm. Ich mag den Sommer.

Nein.

Ich liebe ihn. Ich genieße es zwischen Asphalt und Gehweg zu stehen und in den Himmel zu schauen, während sich auf der einen Seite die stählerne Schlange rauchend und hupend an mir vorbei schiebt und auf der anderen Seite Touristen und Einheimische versuchen den besten Sitzplatz im Café zu erobern. Dort sitzen sie dann, auf wackligen Blechstühlen und  beobachten Ihresgleichen beim Kampf um den ersten Platz an der Ampel. Müßiggang und Eifer liegen so nahe beieinander, nur getrennt von einer schmalen aber scharfen Bordsteinkante. Die Touristen trinken veganen Café aus Pappbechern, die sie später lieblos zurücklassen. Die Autofahrer ziehen beiläufig an ihren Zigaretten, die sie später lieblos aus dem Fenster schnipsen. Zum Ende des Sommers ist nur noch der orangefarbene Filter platt gedrückt auf dem glitzernden Teer sichtbar. Im nächsten Frühling wird der kümmerliche Rest mit dem grauen Schneeschlamm in die Kanalisation gespült.

Zwei Aufgänge weiter spendete ein haushohes Gerüst Schatten, den keiner braucht. Hier gibt es keine Sitzplatzkonkurrenz, nur ein paar einsame, brüchige Holzstühle. In Erwartung ihres nächsten, hoffentlich gnädigen und handwerklich begabten Besitzers oder der unbarmherzigen Möbelpresse, die sie zusammen mit den anderen fauligen, zerbrochenen Möbelträumen ihrer letzten Bestimmung zuführen wird.

Die Luft ist dieser Tage wieder voller Kohlendioxid, das ich hungrig einsauge und mit den heißen Sonnenstrahlen verdaue. Übrig bleibt nur etwas Sauerstoff, den sie so lieben. Und brauchen. Ihre Dankbarkeit, allerdings, hält sich in Grenzen.

Ein Sprichwort der Menschen sagt, entweder bist du der Baum, oder der Hund. Ich bin der Baum.