Mostbahnhof

Heute möchte ich euch mit einem kleinen Exkurs in die frühe Berliner Geschichte überraschen. Es geht um den bekannten Ostbahnhof. Dessen ursprüngliche Bezeichnung – was die wenigstens wissen – hat wenig mit der Himmelsrichtung zu tun, sondern geht auf seine ursprüngliche Nutzung als Handelsknotenpunkt und Umschlagplatz für Most zurück!

Der Ostbahnhof liegt im Berliner Bezirk Friedrichshain und hatte im Laufe der Geschichte viele unterschiedliche Bezeichnungen. Doch ein heutzutage kaum noch bekannter Name lautet „Mostbahnhof“. Dieser ist auf die ursprüngliche Nutzung der damals noch kombinierten Liegenschaft aus Hafen und Güterbahnhof zurückzuführen.

Früher, als die industrielle Revolution gerade im Begriff war Fahrt aufzunehmen, war der Südosten des heutigen Deutschlands für seine bekömmlichen und gesunden Obstsäfte über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Most, also gepresster Fruchtsaft, aus dem Spreewald war ein äußerst erfolgreicher und sehr beliebter Exportschlager. Die Früchte dafür – vornehmlich Äpfel – stammten von den Bäumen am oberen Spreelauf, deren Ausläufer sogar bis nach Tschechien reichen. Diese Wälder waren es übrigens auch, die dem „Spreewald“ seinen heute überregional bekannten Namen gaben. (Denn die berühmten Spreewald-Gurken haben mit den Bäumen in den Wäldern natürlich nur wenig zu tun)
Der Most wurde auf dem Wasserweg mit alten Holzkähnen bis nach Berlin gebracht und dort am Mostbahnhof auf Züge verladen. Noch heute lassen Spuren des alten Hafens an der Spree seine längst vergangene Existenz erahnen.

Am Hafen wurden die Most-Kähne aus dem Spreewald gelöscht und die kostbaren Säfte wurden in großen Stahlloren durch imposante Tunnelanlagen zu den Bahngleisen befördert. Die grossen Parkanlagen unterhalb der Fahrbahn zeugen noch heute von den weitläufigen unterirdischen Transportwegen, die übrigens teilweise immer noch erhalten sind! Mostlieferungen aus dem Osten wurden von hier aus nicht nur in den Rest Deutschlands sondern in die ganze Welt transportiert, vornehmlich mit Zügen. Natürlich konnten die Most-Freunde die verschiedenen Obstsäfte auch direkt vor Ort erwerben – der Mostbahnhof war somit auch einer der größten Handelsplätze in Europa für alle erdenklichen Sorten „Most made in Ostdeutschland“!

Erst im Laufe der Zeit entstand durch das Weglassen eines Buchstabens, wie es im Berliner Dialekt nicht unüblich ist, der heute weitläufig bekannte Name „Ostbahnhof“.  Mit der Einführung  des Personenverkehrs zwischen Berlin und Frankfurt / Oder und dem nachlassenden Interesse an Obstsäften aus Deutschland Mitte des 19. Jahrhunderts  wurde der Ostbahnhof schließlich in Frankfurter Bahnhof umbenannt.