Mario
Der Sommer verabschiedet sich an diesem Freitag Nachmittag mit einem feuchten Schleier, der die letzten Touristen aus der Stadt schiebt. Zurück bleibt die für Berlin zu dieser Jahreszeit übliche Trostlosigkeit. Die Einheimischen erobern sich die Straßen zurück, um sie zwei mal am Tag während ihres zweifelhaften Festes, das sie Berufsverkehr nennen, zu verstopfen.
Ich sitze in einem kleinen Café in meiner Straße, das ich auf meinen Streifzügen bisher ignoriert habe. Der Reissverschluss meiner Übergangsjacke ist bis unter das Kinn gezogen, um die Bettwärme so gut wie möglich zu konservieren, aber auch um das muffige Schlafhemd darunter zu verbergen. Ich bestelle einen dieser handtellergroßen Kekse und als wollte ich mich anbiedern in diesem Café, zu dessen Zielgruppe sonst eher die ruhesuchenden Nachbarn gehören und weniger die kosmopolitischen Juppy-Touristen, einen einfachen Kaffee mit einem Schuss Kuhmilch. Kaffee mit Milch. Will man den Anschein der Zugehörigkeit waren, dann ist es wichtig, dass man bei der Aussprache von „Kaffee“ die erste Silbe betont und das „ee“ am Ende verschluckt. Wie das „Kaff“ muss es klingen, das Berlin ja eigentlich auch ist.
Ich bestelle also einen Kaffee ohne das ee zu betonen und ohne überhaupt darüber nachzudenken, ob ich das ee betonen muss. Und je länger ich über die Betonung der ersten Silbe nachdenke, desto eher komme ich zu der Erkenntnis, dass das unnötige Makulatur wäre. Das Schlafhemd unter der Übergangsjacke, eine Jogginghose, und meine Berliner Zurückhaltung - leicht zusammengedrückte Lippen und eine kurzes Nicken als Morgengruß - lassen eher nicht den Eindruck zu, dass ich von außerhalb komme. Vielleicht hatte ich ja auch Hausschuhe an, wer weiß das schon genau. Womöglich der Postbote, der mich unauffällig musterte und vermutlich mit sich rang, die Hausschuh-Frage zu stellen.
Der Wirt verspricht das “Vespergedeck” an meinen Tisch zu bringen. Für meinen Geschmack ist das etwas zu viel Höflichkeit. Aber ich merke schnell, woher der Eifer kommt. In diesem Café geht es außerhalb der Saison eher gemächlich zu und jede Abwechslung scheint dem Besitzer mehr als willkommen zu sein.
Ich suche mir einen Platz an der Sonne aus. Die Schalenstühle aus altem Kunststoff gibt es in rot und blau. Sie sind stark verblichen und wenn man länger als eine halbe Stunde darauf sitzt, gehen Hosenstoff und Haut eine unangenehme, feuchte Verbindung ein. Man kann dann nicht einfach aufstehen und gehen, sondern wird versuchen mit ein paar verstohlenen, unbeholfenen Bewegungen etwas frische Luft unter die Oberschenkel zu fächern. Dann steht man langsam auf und prüft den Stoff mit einem beiläufigen Griff an den Hintern auf Restfeuchtigkeit. Ist sie noch feucht, hilft nur eine akrobatische Einlage; ein Knicks, der jeden anwesenden Postboten in Verlegenheit bringen würde.
Ich tunke den breiten Keks für exakt vier Augenblicke in den hellbraunen Kaffee, wie ich es von Oma gelernt habe, und sauge den aufgeweichten Teig sorgsam vom Rest des Gebäcks, ohne auch nur einen Krümel zu verschwenden. Diese Technik beherrscht man nicht einfach so. Man muss die weiche Hälfte vorsichtig mit den Lippen fixieren, notfalls den Kopf etwas nach hinten legen, damit einem die Schwerkraft in die Hände spielt und den Keks dann langsam mit dem zunehmenden Druck der Lippen zertrennen. Nur so bleibt die Chemisette krümelfrei.
Mit dem braunen, abnehmenden Schokoladenmond in der Hand lehne ich mich zurück, um das Treiben auf der Straße zu beobachten. Einer der Nachbarn wirft im Vorbeigehen eilig den Namen „Mario“ über meine Schultern in das Café. Der Gegrüßte schlendert zur Tür, stemmt seine Arme in die Hüften und schaut seinem mutmaßlichen Nachbarn hinterher, der nun ein Rudel Kinder überholt. Ein kurzer Stupser an die Schiebermütze, mit der er sie gleichzeitig etwas in den Nacken rückt, genügen ihm als knappe Erwiderung. So grüßt man sich in Berlin. Allenfalls ein halbes Kopfnicken wird noch geduldet.
Mario hat seinen gesamten Fuhrpark vor dem Laden versammelt. Ein Auto, ein Lastenrad und einen Roller. Nach der überschwänglichen Begrüßungszeremonie, die Mütze noch in Marios Nacken, fällt der Blick auf sein Auto. Er zögert kurz, dann mustert er das Lastenrad über seinen Roller. Es scheint, als überlegte er, ob er nicht doch eine Packung Kekse oder ein paar Tüten Kaffeebohnen im Auto vergessen hat.
Mit drei Schritten, so langsam ausgeführt und mit den Sohlen nur knapp über dem Boden, so dass es gerade so nicht als unhöfliches Schlürfen gewertet werden dürfte, ist er an der Beifahrertür. Natürlich ist das Auto nicht abgeschlossen, Mario muss das Auto nicht abschließen. Er öffnet die Tür nur kurz, um das Auto dann doch abzuschließen. Natürlich muss Mario sein Auto abschließen. Dann flüchtet er vor der sich auflösenden Wolkendecke und damit aufziehenden Sonne zurück in das Café, setzt sich auf einen bequem wirkenden Baststuhl, direkt hinter der Theke und widmet sich einer dicken Zeitschrift. Ich rücke meinen Hintern auf dem harten Plastikstuhl zurecht und rutsche noch etwas tiefer in das gar nicht mal so unbequeme Sitzmöbel hinein. Ein gutes Café erkennt man daran, dass die Stühle bequem sind. Will ein Gastwirt seine Gäste nicht lange halten, lässt er sich auf knochigen Holzstühlen sitzen.
Auf der Straße nimmt das bunte Stadttreiben Gestalt an. Ein Postbote mit bunten Hosenträgern und wirklich großen Locken öffnet mit den Worten „Man ist det nervig hier!“ den Briefkasten und befördert den Briefsalat in eine große lederne Poststasche. Dann steigt er zurück in sein gelbes Postfahrzeug. Schräg vor ihm hält ein anderes Fahrzeug in der zweiten Reihe. Der Postmann hupt kurz. Das Wochenende sitzt ihm im Nacken. Er hupt länger. Hupen - der Berliner Monolog. Zwei italienische Frauen, die in der Zwischenzeit am Tisch neben mir Platz genommen haben, kommentieren das Ganze. Vielleicht philosophieren sie aber auch über die Unendlichkeit und die These, dass 95% des Universums aus uns nicht bekannter Materie bestehen. Ich kann kein Italienisch. Vielleicht war es spanisch? Was weiß ich schon über Astrophysik.
Zwei kleine Mädchen kommen an den Tisch der Italienerinnen. Sie stellen ein buntes Bild auf den Tisch - ein Herz aus vielen bunten Tupfern. Es scheint als kenne hier jeder jeden, nur ich kenne niemanden, obwohl ich seite Jahren nur zwei Aufgänge weiter wohne. Was sind schon zwei Aufgänge in einer Stadt wie Berlin! Ein Vater schiebt seine Tochter auf einem Miniatur-Rad vorbei, sie schreit, er solle sie in Ruhe lassen. Sie werden so schnell erwachsen.
Ein paar Minuten später, der hupende Postbote ist schon lange fort, wirft jemand einen dicken Stapel Briefe in den Kasten ein, der gerade geleert wurde. Er trägt einen feinen Anzug. Ich will ihn warnen. Vielleicht handelt es sich um wichtige Korrespondenz?
Ein blauer Kleinwagen hält vor dem Café. Zwei braungebrannte Jungen hieven vier große Körbe aus dem Kofferraum. Sushi für den Aufgang direkt neben dem Café. Doch niemand öffnet die TÜr. Wer bestellt Sushi und ist nicht zuhause? Ein Postbote, der aufgehalten wurde, weil jemand in zweiter Reihe parkend die Weiterfahrt behinderte? Mario nimmt die Lieferung entgegegen.
Ich bekomme Hunger. Ich bin mir nicht sicher, ob das Kitzeln im Nacken von ein paar Fruchtfliegen stammt. Ob es Pollen sind oder einfach nur die Sonneneinstrahlen? Eine Frau im Rollstuhl. Menschen, die ihr Fahrrad über den Bürgersteig schieben. Ein knatterndes Mofa. Autos. Lieferwagen. Passanten.
Es scheint als würde der ganze Bezirk hier auflaufen. Als wäre ich, mit ein paar Schokokrümeln auf der Übergangsjacke, ein König, dem sie ihre Ehre erweisen wollen. Ein Regisseur, vor dem die Schauspieler ihre Rollen präsentieren. Ein Modezar, der vor einem Laufsteg sitzt und die stoffgewordenen Träume seiner Branche beklatscht.
Das Gitter vom Sportplatz gegenüber klirrt, als ein Ball dagegen geschossen wird. Mein Tagtraum endet. Ich schlürfe den Kaffee aus und gehe nach Hause, um mich für das Wochenende in Schale zu werfen und meine Hausschuhe zu suchen. Ich war nie wieder bei Mario. Das Café hat geschlossen. Für immer.