Zitat

“Die Tränen, die sie Langeweile nennen, auf dem Wäscheständer zum Trocknen aufhängen, den sie Internet nennen.”

Autor bekannt

Fleischwürste


Fleischwürste lieben es warm, aber trocken und sollten immer in Gemeinschaft gehalten werden, denn Fleischwürste sind Rudelkatzen.  Ausserdem benötigen sie sehr viel Liebe und Zuneigung, auch körperlich.  Oft nutzt man zur Unterbringung Brutkästen, die man großzügig mit Blattsalat ausfüllen sollte. Fleischwürste sind strikte Vegaterier. Wichtig ist  natürlich auch frische Luft. Die Luft deiner Berlin-Mitte-Wohngemeinschaft wird sehr schnell den üblichen Fleischwurstgeruch annehmen, mehr als du gewohnt bist. Das liegt an dem Wurstwasserdampf, den die Fleischwürste während des Wachstums vermehrt ausdünsten. Gönne Ihnen also ab und an einen Ausflug  an die Ostsee  oder einen Spaziergang durch den Volkspark Friedrichshain. Du schaffst das.


Willkommen in Berlin

Willkommen in Berlin ist ein satirischer und nicht immer ernst gemeinter Ratgeber für Berlins Besucher und Bewohner. Im Tagebuchstil berichtet der Autor, immer mit einem Augenzwinkern, von den Gefahren, die von Rollkoffern ausgehen, den Benimmregeln auf Rolltreppen und den Strategien, um sich im “gefährlichen” Berliner Straßenverkehr unversehrt zurechtzufinden.

Das Buch ist bei Amazon als eBook und Taschenbuch erschienen (Werbe-Link: https://amzn.to/2zbiGaS)  und nimmt am Wettbewerb kindlestoryteller2018 teil.

Ein Sprichwort

Die Sonne brennt auf der knorrigen Haut. Das ist sehr angenehm. Ich mag den Sommer.

Nein.

Ich liebe ihn. Ich genieße es zwischen Asphalt und Gehweg zu stehen und in den Himmel zu schauen, während sich auf der einen Seite die stählerne Schlange rauchend und hupend an mir vorbei schiebt und auf der anderen Seite Touristen und Einheimische versuchen den besten Sitzplatz im Café zu erobern. Dort sitzen sie dann, auf wackligen Blechstühlen und  beobachten Ihresgleichen beim Kampf um den ersten Platz an der Ampel. Müßiggang und Eifer liegen so nahe beieinander, nur getrennt von einer schmalen aber scharfen Bordsteinkante. Die Touristen trinken veganen Café aus Pappbechern, die sie später lieblos zurücklassen. Die Autofahrer ziehen beiläufig an ihren Zigaretten, die sie später lieblos aus dem Fenster schnipsen. Zum Ende des Sommers ist nur noch der orangefarbene Filter platt gedrückt auf dem glitzernden Teer sichtbar. Im nächsten Frühling wird der kümmerliche Rest mit dem grauen Schneeschlamm in die Kanalisation gespült.

Zwei Aufgänge weiter spendete ein haushohes Gerüst Schatten, den keiner braucht. Hier gibt es keine Sitzplatzkonkurrenz, nur ein paar einsame, brüchige Holzstühle. In Erwartung ihres nächsten, hoffentlich gnädigen und handwerklich begabten Besitzers oder der unbarmherzigen Möbelpresse, die sie zusammen mit den anderen fauligen, zerbrochenen Möbelträumen ihrer letzten Bestimmung zuführen wird.

Die Luft ist dieser Tage wieder voller Kohlendioxid, das ich hungrig einsauge und mit den heißen Sonnenstrahlen verdaue. Übrig bleibt nur etwas Sauerstoff, den sie so lieben. Und brauchen. Ihre Dankbarkeit, allerdings, hält sich in Grenzen.

Ein Sprichwort der Menschen sagt, entweder bist du der Baum, oder der Hund. Ich bin der Baum.

Zahnarzt

Gestern war ich beim Zahnarzt. Er residiert mit seiner Praxis in einem verlassenen Transportschiff. Seine rostigen Wände zeugen  von dessen stürmischer Vergangenheit auf den sieben Weltmeeren. Jetzt  spendete der rotbraune, raue Stahl im S noch Kühle. Das Behandlungszimmer, er hat nur eins, befindet sich im Frachtraum, der natürlich nach oben hin offen ist. Früher wurden schwere Container mit grazilen Kränen durch den hungrigen Schlund in den Frachtraum gehoben. Nun verdeckt ein mit Stoff bespanntes Zeltgestänge die Öffnung im Schiffsdeck. Bei Regen dient es als Regenschutz, im Sommer wirft es einen schwachen Schatten auf die kostbare zahnmedizinische Ausrüstung.

Die rotbraunen Schotten des Behandlungsfrachtraumes sind mit wirrem Lametta verziert, das man heutzutage eigentlich nirgends mehr kaufen kann. Der Rohstoff ist einfach zu wertvoll. Doch wie es der Zufall so wollte, fand man nach der Dekommissionierung des Schiffes einen vergessenen Container im Frachtraum, der bis oben hin mit eben diesen wertvollen Aluminiumstreifen gefüllt war. 19,5 Tonnen Lametta. Ein Großteil davon wurde mühevoll zu Aluminiumfolie verschweißt um in die Aluhutproduktion überführt zu werden. Seitdem das Magnetfeld der Erde uns nicht mehr vor der kosmischen Strahlung schützt, hat sich der Ruf der Aluhüte drastisch verbessert. Sie retten nun Leben.

Die Reste des Aluminiumfundes wurden nun also für die Ausstaffierung der Praxis verwendet. Man wollte ein Alleinstellungsmerkmal erschaffen, das dem Zahnarzt dann auch prompt  Bekanntheit über die Landesgrenzen hinaus bescherte. Lamettawände!
Gestern saß ich also dort. Den Kopf an die Wand zwischen das Lametta gelehnt. Durch das teils löchrige Stoffdach stachen die Sonnenstrahlen in das Schiffsinnere. Ich saß genau unter einer dieser Lichtsäulen und musste die Augen zusammenkneifen, so dass mir zwei, drei zarte Tränchen aus den Augenwinkeln traten. Meine Schneidezähne bleckten gierig durch meinen nach oben gezogenen Mund. Ich musste eine schreckliche Fratze abgegeben haben, mit meiner silbrigen Perücke und dem verbissenen Gesicht.

Der Zahnarzt – sein Name ist Dr. Hack, Peter Erich Hack, er lernte sein Handwerk beim großen Dr. Toni Zamperoni – hatte den Behandlungsraum verlassen, um den nächsten Patienten auf den Zahnarztstuhl zu begleiten. Dr. Hack hat eine Vorliebe für historisches Instrumentarium und trug daher einen antiken Stirnreflektor. Aus seiner Brusttasche gierte eine kleine Kneifzange der nächsten Behandlung entgegen. Zum Glück trug er sie nur als modisches Accessoire. Was dem Gieren keinen Abbruch tat. Ihm schien nicht bewusst zu sein, welche respekteinflößende Wirkung das antiquarische Werkzeug auf den Großteil seiner Kundschaft hat. Mich eingeschlossen.

Der Spiegel an seiner Stirn greif sich ein paar Sonnenstrahlen und bündelt sie zu einem hellen Suchscheinwerfer, mit denen er den Raum und die wartenden Patienten absuchte.

Eine alte Dame, die ostentativ teilnahmslos in einem billigen Lifestyle-Magazin blättert. Mit jeder Seite, die sie umblättert, entweicht dem Magazin der Duft des beschichteten Papiers. Es bildet eine Koalition mit ihrem überteuerten Eau-de-Toilette und stolziert dann unsichtbar durch die Sitzreihen um sich schließlich durch eines der Oberlichter zu verflüchtigen.

Ein Mann im grau meliertem Anzug, der noch ostentativer und desinteressierter die Papierzylinder observiert, die am Wasserspender fein säuberlich mit der Öffnung nach unten aufgestapelt sind. Er hat die Hände folgsam auf dem Schoß übereinander gelegt und scheint nicht zu merken, dass sich ein Füllfederhalter in seiner rechten Brusttasche geöffnet hat und ein dunkelblauer Tintenfleck sich langsam seinen Weg durch den groben Stoff bahnt um an der frischen Luft als verkrusteter Rorschachtest zu verenden.

Doch wie einer dieser latent sadistischen Bühnenkünstler ist Dr. Hack auf der Suche nach der Person, die den Gang auf die Bühne, den Behandlungsstuhl, am meisten scheut. Der Mensch mit dem verzerrtesten Gesicht, der sich zum Beispiel unter einer Lamettaperücke zu verstecken versucht.

Hack grinst mich an. Die Sonnenstrahlen zwingen mir weiterhin ein saftiges Grinsen ab. Krampfhaft versuche ich meine Lippen zusammenzupressen, um mein Gebiss nicht dem kritischen Blick des Zahnarztes preiszugeben. Die alte Damen blickt erleichtert von ihrem Heft auf und grinst mich triumphierend an. Ich bin der nächste.

Nun reiht auch der Mann im grau melierten Anzug in den grinsenden Reigen ein. Dramatisch wendet er seinen Blick von den papiernen Zylindern ab und grinst mich an. Die Schwestern an der Rezeption tun es ihm gleich und schließlich scheint sich auch die Sonne gegen mich verschworen zu haben und wirft mir ihr kräftiges Grinsen auf das Gesicht.

Aus dem Hack’schen Grinsen wird ein zögerliches Lächeln. Er hat sich breitbeinig vor mir aufgebaut, die groben Hände an den fleischigen Armen in den weißen Kittel gestemmt und eine Augenbraue herausfordernd nach oben gezogen. Die von hinten strahlende Sonne zeichnet eine mystische Aura um seinen wuchtigen Körper. Als er sich leicht über mich beugt springt seine Kneifzange mir fast an den Hals. Dr. Hack schiebt sie beiläufig tätschelnd wieder an ihren Platz zurück.

Ich drücke meinen Leib weiter in den Lamettavorhang und blicke scheu nach links und nach rechts, auf der Suche nach einem Ausweg. Die alte Dame grinst nicht mehr, sie lacht und hält die Modezeitschrift zusammengerollt vor ihrem linkem Auge auf mich gerichtet. Der Mann mit dem Rorschachtest, der mittlerweile die ganze linke Jacketthälfte eingefärbt hat, fängt an zu glucksen. Er hält einen der zylinderförmigen Pappbecher in der Hand, der kleine Finger ist leicht abgespreizt, und prostet mir damit feierlich zu. Dann fängt auch er an in Schüben zu Lachen.

Das Gesicht des Zahnarztes ist nun dicht vor meinem. Er lacht mich laut an und streckt mir seine perfekt symmetrischen Zahnreihen entgegen. Um mich herum verstohlenes Kichern und Lachen, das hin und wieder zu einem Prusten und Gackern eskaliert. Ich bin der ansteckenden Fröhlichkeit ausgeliefert und merke, wie sie sich kribbelnd im Bauch ausbreitet und langsam nach oben steigt um gleich laut wiehernd aus meinem Mund zu entweichen.

Ich blicke in die spiegelglatten, riesigen Zähne von Dr. Erich Peter Hack und nehme etwas verschwommen und überzeichnet mein eigenes Gesicht wahr. Meine Augen scheinen fest geschlossen zu sein.

Erschrocken reiße ich sie auf. Vor mir prangt ein großer gewölbter Zahnarztspiegel. Ich liege auf dem Zahnarztstuhl. Auf meinem Mund sitzt eine Atemmaske. Vorsichtig, ohne meinen Kopf zu bewegen, wandert mein Blick nach links. Distickstoffmonoxid steht auf einer großen Kartusche.

Lachgas.

Der Zahnarzt schaut mich erheitert an.

“Wir sind dann fertig. Alles in Ordnung.”

Mostbahnhof

Heute möchte ich euch mit einem kleinen Exkurs in die frühe Berliner Geschichte überraschen. Es geht um den bekannten Ostbahnhof. Dessen ursprüngliche Bezeichnung – was die wenigstens wissen – hat wenig mit der Himmelsrichtung zu tun, sondern geht auf seine ursprüngliche Nutzung als Handelsknotenpunkt und Umschlagplatz für Most zurück!

Der Ostbahnhof liegt im Berliner Bezirk Friedrichshain und hatte im Laufe der Geschichte viele unterschiedliche Bezeichnungen. Doch ein heutzutage kaum noch bekannter Name lautet “Mostbahnhof”. Dieser ist auf die ursprüngliche Nutzung der damals noch kombinierten Liegenschaft aus Hafen und Güterbahnhof zurückzuführen.

Früher, als die industrielle Revolution gerade im Begriff war Fahrt aufzunehmen, war der Südosten des heutigen Deutschlands für seine bekömmlichen und gesunden Obstsäfte über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Most, also gepresster Fruchtsaft, aus dem Spreewald war ein äußerst erfolgreicher und sehr beliebter Exportschlager. Die Früchte dafür – vornehmlich Äpfel – stammten von den Bäumen am oberen Spreelauf, deren Ausläufer sogar bis nach Tschechien reichen. Diese Wälder waren es übrigens auch, die dem “Spreewald” seinen heute überregional bekannten Namen gaben. (Denn die berühmten Spreewald-Gurken haben mit den Bäumen in den Wäldern natürlich nur wenig zu tun)
Der Most wurde auf dem Wasserweg mit alten Holzkähnen bis nach Berlin gebracht und dort am Mostbahnhof auf Züge verladen. Noch heute lassen Spuren des alten Hafens an der Spree seine längst vergangene Existenz erahnen.

Am Hafen wurden die Most-Kähne aus dem Spreewald gelöscht und die kostbaren Säfte wurden in großen Stahlloren durch imposante Tunnelanlagen zu den Bahngleisen befördert. Die grossen Parkanlagen unterhalb der Fahrbahn zeugen noch heute von den weitläufigen unterirdischen Transportwegen, die übrigens teilweise immer noch erhalten sind! Mostlieferungen aus dem Osten wurden von hier aus nicht nur in den Rest Deutschlands sondern in die ganze Welt transportiert, vornehmlich mit Zügen. Natürlich konnten die Most-Freunde die verschiedenen Obstsäfte auch direkt vor Ort erwerben – der Mostbahnhof war somit auch einer der größten Handelsplätze in Europa für alle erdenklichen Sorten “Most made in Ostdeutschland”!

Erst im Laufe der Zeit entstand durch das Weglassen eines Buchstabens, wie es im Berliner Dialekt nicht unüblich ist, der heute weitläufig bekannte Name “Ostbahnhof”.  Mit der Einführung  des Personenverkehrs zwischen Berlin und Frankfurt / Oder und dem nachlassenden Interesse an Obstsäften aus Deutschland Mitte des 19. Jahrhunderts  wurde der Ostbahnhof schließlich in Frankfurter Bahnhof umbenannt.

Kyffhäuserkreis

Der Name „Kyffhäuserkreis“ ist vielen bekannt, doch weniger bekannt ist die eigentliche Herkunft dieser Bezeichnung, deren Erklärung sich in der jüngeren deutschen Geschichte finden lässt.
Mitte des 20. Jahrhunderts kam es zur Teilung Deutschlands. Um die ausreichende Versorgung der Bevölkerung mit Argrar-Produkten nicht zu gefährden, begann man damit die landwirtschaftlichen Bemühungen in den Bundesländern der neu “gegründeten” DDR zu voranzutreiben.
In den küstennahen Gegenden im Norden, in Mecklenburg-Vorpommern, oder auf den gut bewässerten Böden in Sachsen war man sehr schnell sehr erfolgreich. Im Thüringen, rund um den Harz, hatte man jedoch Probleme damit, die Landwirtschaft effizient zu betreiben. Der Grund waren die verhärteten Böden rund um die Ausläufer des Mittelgebirges. Also suchte man nach Wegen, die landwirtschaftliche Bewirtung der Böden zu ermöglichen.
Recht schnell besann man sich auf die Fähigkeiten der Hanfpflanze: Deren Wurzeln gelingt es bis zu 140 cm in den Boden einzudringen um diesen damit zu lockern und für die Bepflanzung mit anspruchsvollen Pflanzen vorzubereiten. Dies war der Startschuss für die staatlich subventionierte Bebauung mit Hanf zugunsten der landwirtschaften Erträge.
Doch die Bauern wollten die Hanfpflanzen nach der Ernte nicht ohne weiteres entsorgen.  Die Regierung befand sich also in einer Zwickmühle – einerseits wollte man die Versorgung der Bevölkerung mit Getreide nicht gefährden, andererseits konnte man unmöglich den Konsum bzw. den. Handel mit dem Rauschgift gutheißen. Letztlich wurde zumindest der Konsum des Rauschmittels innerhalb der Region geduldet, wenn auch nicht in der Öffentlichkeit.
Daraufhin entstand im Umkreis der Anbaugebiete das, was den meisten Amsterdam-Touristen als „Coffeeshop“ bekannt sein dürfte: Kleine Holzhütten an den Rändern der Felder, in denen die Bauern den Hanf trockneten, vorbereiteten und natürlich auch rauchten. Dies sprach sich innerhalb kürzester Zeit herum und die “süßen Düfte” zogen auch Touristen aus den anderen Teilen der Republik an. Schnell bürgerte sich für diese kleinen Hütten, in denen das „Kiffen“ inoffiziell geduldet wurde, die Bezeichnung „Kiffhäuser“ ein.
Warum sich letztlich die Schreibweise mit „y“ durchgesetzt hat, ist nicht ausreichend übermittelt. Vermutet wird, dass das auf die Schwedische Übersetzung für „kiffen” zurückzuführen ist  – „kyffen“. Eine Andere Theorien sieht die Ursache allerdings im Thüringer Dialekt, in dem die Aussprache des ‚i‘ eher an die des ‚y‘ im Hochdeutschen erinnert.
Mit dem Fall der Mauer Ende der 80er Jahre und der Wiedervereinigung verbesserte sich die Versorgungsituation mit landwirtschaftlichen Produkten aus dem Rest Deutschlands und die politische Duldung des Marihuana-Konsums durch die neue Regierung nahm ab. Die Kiffhäuser verschwanden aber der Name der Region blieb weiter bestehen: Kyffhäuserkreis.

Ein Wurm

Ein
Wurm
Hat es nicht leicht
Verlässt er das Erdreich
Ist er in Gefahr
Wird zertreten gefressen getrennt überrolt
Doch Verlässt er es nicht
Bleibt er fern dem Licht
Wird er wachsen niemals
Bekommt nichts in den Hals
Bis auf Wasser und Sand
Dabei liegt auf der Hand
Das so nichts wird
Aus einem
Wurm